Und nach der Revolution? Die Auswirkungen des Engagements von Frauen in Revolutionen auf die postrevolutionäre Geschlechterordnung

Nach­dem es momen­tan nicht so aussieht, als ob die ägyp­tis­chen Frauen im neuen Ägypten angemessene poli­tis­che Repräsen­ta­tion finden wer­den, habe ich mich gefragt, welche Auswirkun­gen eigentlich Rev­o­lu­tio­nen in anderen Teilen der Welt auf die Sit­u­a­tion der Frauen hat­ten. Hat sich ihre poli­tis­che, wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Sit­u­a­tion verbessert? Wur­den sie am Auf­bau der neuen Ord­nung, der neuen Gesellschaft oder des neuen Staates beteiligt? Verän­derte sich die Beziehung der Geschlechter und war mehr Gleich-berechtigung möglich? Oder, schlicht gefragt, wur­den die Erwartun­gen der Frauen, über das eigentliche Rev­o­lu­tion­sziel hin­aus, erfüllt?

Während der Zeit der Rev­o­lu­tion erscheint alles sehr hoff­nungsvoll. Die Konkur­renz der Geschlechter tritt in den Hin­ter­grund und macht Platz für den ide­ol­o­gis­chen Zusam­men­halt der Rev­o­lu­tionäre (Vgl. Spakoswki, 7.), wie zuletzt auf dem Tahir-Platz beobachtet und u.a. von Hoda Salah berichtet. Aber wie geht es nach der Rev­o­lu­tion weiter?

Beispiel China, dargestellt anhand der Ergeb­nisse von Nicola Spakowski in ihrem Buch „Mit Mut an die Front“, in dem sie die Entwick­lung des mil­itärischen Engage­ments der Chi­nesin­nen während der kom­mu­nis­tis­chen Rev­o­lu­tion von 1925–1949 unter­sucht.
In China waren die Frauen als inte­graler  Bestandteil der kom­mu­nis­tis­chen Re-volution beson­ders in den ersten Rev­o­lu­tion­s­jahren und der Zeit des Gueril­lakrieges unter Mao Tse-tung gegen Chaing Kai-shek nicht nur an der Rev­o­lu­tion, son­dern auch an den Kampfhand­lun­gen inten­siv beteiligt. Es boten sich ihnen eine Vielzahl an mil­itärischen Par­tizipa­tion­s­möglichkeiten sowie um-fassende Auf­stiegschan­cen. Dies änderte sich jedoch mit fortschre­i­t­en­der Kon­so­li­dierung der kom­mu­nis­tis­chen Bewe­gung. Die Beteili­gung der Frauen an mil­itärischen Auf­gaben nahm mehr und mehr ab, weib­liche Armeeange­hörige wur­den gegen ihren Willen demo­bil­isiert und ihre mil­itärische Kar­riere unter-bunden.  Die umfassende Inte­gra­tion der Frauen in die Rev­o­lu­tion inklu­sive der Beteili­gung an Kampfhand­lun­gen, gepaart mit der enthu­si­astis­chen Rhetorik, ist somit wohl  eher auf die dama­lige „Krisen­si­t­u­a­tion, die zu Prag­ma­tismus zwang“ zurück­zuführen, als auf tat­säch­lich rev­o­lu­tionäre Ansätze und den authen­tis­chen Wun­sch nach einer neuen Geschlechterord­nung. (Vgl. Spakowski, 369–372.)
Inwieweit die Rev­o­lu­tion zu Verän­derun­gen der Geschlechterord­nung in anderen Bere­ichen der Gesellschaft geführt hat, ist nicht Unter­suchungs­ge­gen­stand von Spakowski. Allerd­ings propagierte die kom­mu­nis­tis­che Frauen­be­freiungs­the­o­rie die Pflicht zur mil­itärischen Par­tizipa­tion als Weg zur Befreiung der Frau als Gruppe. (Vgl. Spakowski, 370.) Der let­ztliche Auss­chluss der Frauen aus dem Bere­ich des mil­itärischen spricht in dem Zusam­men­hang Bände.

Während der rus­sis­chen Okto­ber­rev­o­lu­tion wurde eben­falls immer wieder die bedeu­tende Rolle der Frauen betont. Diesem lag die Erken­nt­nis Lenins zugrunde, dass eine sozial­is­tis­che Gesellschaft ohne Frauen nicht zu ver­wirk­lichen ist. Entsprechend wurde vom Geset­zge­ber die volle wirtschaftliche, rechtliche, soziale und poli­tis­che Gle­ich­stel­lung der Frauen einge­führt. Doch bere­it­ete nicht nur die Umset­zung der Änderun­gen Schwierigkeiten und zog sich über viele Jahrzehnte hin. Diemut Majer kommt in ihrem Buch “Frauen — Rev­o­lu­tion — und Recht”, in dem sie die Verän­derun­gen der Rechtsstel­lung der Frauen in Folge der großen europäis­chen Rev­o­lu­tio­nen unter­sucht, zu dem Schluss, dass die Re-volutionäre wohl nie die volle Gle­ich­berech­ti­gung der Frauen im Sinn hat­ten. Eine teil­weise Gle­ich­berech­ti­gung sollte reichen. (Vgl. Majer, 371–375, 382.)

Ähn­lich wie in Ägypten sind auch in Libyen die Frauen an der Rev­o­lu­tion be-teiligt. Zwar nicht, wie damals in China, an der Front, dafür aber in allen anderen Teilen der Rev­o­lu­tion und unter­stützen beispiel­sweise als San­itä­terin­nen den Kampf der Män­ner. Gle­ichzeitig nutzen sie, so Esther Saoub, die Aufbruch-stimmung, um aus den kon­ser­v­a­tiven, patri­ar­chalis­chen Gesellschaftsstruk­turen auszubrechen. Doch wer­den die Män­ner ihnen ihr Engage­ment let­ztlich danken und mit ihnen eine neue Gesellschaft­sor­d­nung installieren?

Es lohnt sich ein Blick in die eigene Geschichte, wobei ich mich auch hier stark auf die Arbeit von Diemut Majer stütze.
1848, Märzrev­o­lu­tion! Friedrich Hecker, einer der Red­ner der Märzrev­o­lu­tion lobte die Frauen als „mutiger und begeis­terter als die Män­ner“. Ihre Unter­stützung der Rev­o­lu­tion wurde gerne angenom­men und es wurde ihnen eine „neue öffentliche Rolle“ zugewiesen. (Vgl. Grau)
Die Paulskirchen­ver­fas­sung aber hätte, wäre sie nicht sowieso gescheit­ert, an der Stel­lung der Frauen nichts geän­dert. Majer führt dies ins­beson­dere auf die über-großen Zahl der Auf­gaben zurück. „Die Rev­o­lu­tion hatte keine Zeit für die Frauen.“ (Majer, 191.) Hinzukommt: Kon­fron­tiert mit den Forderun­gen der Frauen­be­we­gung, argu­men­tierte Friedrich Hecker, dass nur wer in den Krieg ziehe, auch das Recht auf poli­tis­che Mitentschei­dung u.a. hin­sichtlich Fra­gen der Bürg­er­rechte hätte. (Vgl. Grau) Allerd­ings wur­den die Frauen während der Rev­o­lu­tion, so Ute Grau, „mit Nach­druck auf ihre weib­liche Bes­tim­mung fest­gelegt (…). Ihre Mitar­beit sollte gewisse Gren­zen nicht über­schre­iten.“
Obwohl das Engage­ment der Frauen also willkom­men war, bestand wohl bei aller loben­den Worte von Anfang an kein Inter­esse, dies auch in mehr Rechte und Mit-sprache der Frauen umzumünzen.

Auch in Öster­re­ich brauchte es nach der Bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion 1848 erst eine explizite Frauen­be­we­gung, um den Frauen nach langem Kampf Gleich-berechtigung und poli­tis­che Mit­sprache zu sich­ern. Selb­stver­ständlicher Teil einer bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion waren Frauen­rechte auch hier nicht. (Vgl. Grau) Vielmehr mussten die Frauen sogar harte Repres­sio­nen unter demüti­gen­den Umstän­den für ihr poli­tis­ches Engage­ment erdulden. (Vgl. Majer 302.)

Die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion, in deren Anfangszeit die Frauen eben­falls will-kommene Mit­stre­i­t­erin­nen waren, brachte kaum andere Ergeb­nisse. Zwar wur-den im Bere­ich des Ehe– und Fam­i­lien­rechts Refor­men umge­setzt, die Familien-strukturen des Ancien régimes aufge­brochen und den Frauen mehr Rechte und Indi­vid­u­al­ität zuge­s­tanden; Forderun­gen nach Bürg­er­rechten und mehr Mit-wirkung im öffentlichen Raum, beispiel­sweise Red­erecht in der Nationalver-sammlung, speziellen Grund– und Men­schen­rechten bis hin zum Wahlrecht blie-ben aber uner­füllt. Damit wur­den Frauen, so de Fraisse, „(g)erade in einer Zeit der Rechts­gle­ich­heit (…) ins Abseits gedrängt.“ Die Demokratie gren­zte die Frau-en aus, da die Män­ner Angst um ihre Macht­ba­sis hat­ten. (Vgl. Majer, 48– 60.)

Ein Blick über den Atlantik. Auch in den USA hatte ihr Ein­satz im Un-abhängigkeitskrieg (Pro­pa­ganda, Boykott britis­cher Waren, Ver­sorgung der Sol­daten etc.) den Frauen keinen Vorteil gebracht. Auch hier war selbst für lib­erale Män­ner das Frauen­wahlrecht kein Thema. Statt dessen wur­den die Frauen nach Erlan­gung der Unab­hängigkeit zurück in den häus­lichen Bere­ich gedrängt. (Vgl. Majer, 350–356.)
Allerd­ings, die Rev­o­lu­tion war gewis­ser­maßen der Nährbo­den für neue gesell-schaftliche Strö­mungen und fol­gende soziale Verän­derun­gen. Zunächst ab-gewiesene Forderung nach poli­tis­cher Mitbes­tim­mung traten später wieder auf. (Vgl. Majer 360.)

Fazit

All diese Beispiele stim­men nicht ger­ade hoff­nungsvoll, was die Aus­sichten der Frauen nach dem ara­bis­chen Früh­ling angeht. Ander­er­seits, die Geschehnisse auf dem Tahir-Platz, aber auch in Tune­sien und den anderen Län­dern, das Mit-einander der Geschlechter, das gemein­same Ein­treten für ein Ziel, diese Er-fahrung kann den Frauen, aber auch den jun­gen Män­nern nicht genom­men wer­den. Auch wenn es zunächst also  nicht gelin­gen sollte, Frauen am Auf­bau neuer staatlicher und gesellschaftlicher Struk­turen gle­ich­berechtigt zu beteili­gen, was, wie die die vor­ange­gan­genen Beispiele aber auch die Berichte zumin­d­est aus Ägypten befürchten lassen, bleibt doch die Hoff­nung, dass auch hier das Fun­da­ment für eine neue Geschlechterord­nung gelegt ist.

Lit­er­atur:
  • Geneviève Fraisse: Geschlecht und Mod­erne. Archäolo­gie der Gle­ich­berech­ti­gung. Frank­furt: 1995.
  • Ute Grau: Frauen in der Rev­o­lu­tion. Lan­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung Baden-Württemberg.
  • Diemut Majer: Frauen – Rev­o­lu­tion – Recht. Die grossen Europäis­chen Rev­o­lu­tio­nen in Frankre­ich, Deutsch­land und Öster­re­ich 1789 bis 1918 und die Rechtsstel­lung der Frauen. Unter Ein­beziehung von Eng­land, Rus­s­land, der USA und der Schweiz. Zürich/ St. Gallen: Dike Ver­lag 2008.
  • Esther Saoub: Frauen in der libyschen Rev­o­lu­tion. Dop­pelte Befreiung. tagesschau.de, Stand, 14.04.2011,
  • Nicola Spakowski: Mit Mut an die Front. Die Mil­itärische Beteili­gung von Frauen in der kom­mu­nis­tis­chen Rev­o­lu­tion Chi­nas (1925–1949). Köln u.a.: Böh­lau Ver­lag 2009.

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