Boualem Sansal: Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute

„Was wird aus Alge­rien“ — das fragte sich Jes­sica, aus­ge­hend von den Werken von Boualem Sansal und Maïssa Bey, bere­its im August 2011. Da ich dieses Jahr in meinem Wel­treis­esem­i­nar „Fremde Län­der und Kul­turen ver­ste­hen“ unter anderem Alge­rien ins Pro­gramm aufgenom­men habe, bin ich nun auch dazu gekom­men, Boualem Sansals „Zorniger und hoff­nungsvoller Brief an meine Land­sleute“ aus dem Jahr 2006 zu lesen. Mein zweites Buch von einem algerischen Autor, nach­dem ich, auf Empfehlung Jes­si­cas, vor eini­gen Jahren schon Assia Dje­bars „Weißes Alge­rien“ gele­sen habe, dass mich eben­falls sehr beein­druckt hat! 

Boualem Sansals „Brief an meine Land­sleute“ also. Jes­sica hat es schon geschrieben, Sansal fordert seine Land­sleute darin „zum Reden und Han­deln auf, in dem sie aus der Ver­gan­gen­heit ler­nen und die Sche­in­sta­bil­ität der aktuellen poli­tis­chen Ver­hält­nis­sen hinterfragen“.

Aber woher kommt diese Sprachlosigkeit? Sansal ver­steht seine Kri­tiker so, dass es vor allem um die Außen­wirkung geht. „[E]in wirk­licher Algerier“ sagt vor Frem­den, ins­beson­dere vor Fran­zosen „niemals (…), was er über sein Land denkt. Ger­ade diese [so ver­steht Sansal seine Kri­tiker] muss man hin­ters Licht führen, damit sie sich nicht ein­bilden, wir seien unglück­licher als unter ihrem Stiefeln.“ (S. 19) Doch ger­ade dieses Schweigen führt dazu, dass Alge­rien zum „Syn­onym für Schweigen und Ter­ror gewor­den ist“ und die junge Gen­er­a­tion das Land flieht, „wie man ein Schiff in Seenot ver­lässt.“ (S. 6.)

Inter­es­sant fand ich die These Sansals, dass Ex-Kolonisierte mit hoher Wahrschein­lichkeit dazu neigen, sich selbst zu kolonisieren und danach tra­chten, ihre Umge­bung eben­falls zu kolonisieren. (S. 19) Eine inter­es­sante Erk­lärung dafür, dass viele ehe­ma­lige Unab­hängigkeit­skämpfer sich so schwer tun, ihre – ehe­mals ver­di­ente Macht – let­ztlich an die nach­fol­gende Gen­er­a­tion weiterzugeben.

Ein wichtiger Kri­tikpunkt Sansals ist die Gen­er­alamnestie von 2005, mit der Präsi­dent Boute­flika einen Schlussstrich unter den Bürg­erkrieg ziehen wollte. Dieser Schritt brachte Alge­rien aber keine Ver­söh­nung, son­dern ver­stärkte vielmehr die Sprachlosigkeit. (Eine inter­es­sante Möglichkeit, mit Ver­brechen schier unglaublichen Aus­masses umzuge­hen, sind die Gacaca-Gerichte in Ruanda, die ver­gan­genen Mon­tag ende­ten.) (Über die Hin­ter­gründe der Gen­er­alamnestie)

Zuletzt wid­met sich Boualem Sansal drei „nationalen Kon­stan­ten und naturgegebe­nen Wahrheiten“ — wie er es iro­nisch betitelt. Erstens „Das algerische Volk ist ara­bisch“, zweit­ens „Das algerische Volk ist mus­lim­isch“ und drit­tens „Ara­bisch ist unsere Sprache“! Das all dies nicht zutrifft und welche gefährlichen Auswirkun­gen, diese „Wahrheiten“ haben, legt Sansal mit weni­gen Worten, aber nicht weniger überzeu­gend da!

Let­ztlich muss Alge­rien, möchte es in Frieden und Frei­heit leben, seine wahre Iden­tität finden. Eine Iden­tität, die nicht darauf auf­baut, einzelne Mit­glieder der Gesellschaft auszu­gren­zen. (Was lei­der in vie­len Gesellschaften nach wie vor Real­ität ist – wir sind wir, weil wir nicht die anderen sind! Eine gefährliche Logik!)

Sansal äußerrt sich auch noch kurz zum berberischen Früh­ling vom April 1980 und diese Worte möchte ich als Schluss­wort nehmen, denn, ohne es zu wis­sen, hat Boualem Sansal damit auch eine Mah­nung an die Län­der des ara­bis­chen Früh­lings gerichtet – die Frage die sich Sansal stellt:

(…) aber macht ein Früh­ling ein Leben aus?“

Wir wis­sen es alle – der Früh­ling geht viel zu schnell vorbei!

One Response to Boualem Sansal: Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute

  1. Hin­weis vom Mer­lin Ver­lag: Im Sep­tem­ber erscheint der neue Roman von Boualem Sansal: “Rue Darwin”.

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