Denkschablone

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Maria Mayrhofer: UrlauberInnen am Urlaubsort in einem Land der sogenannten Dritten Welt. Verhalten und Handeln, Wahrnehmungs– und Deutungsmuster, subjektives Urlaubserleben – eine empirische Studie in Goa, Indien.

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Maria Mayrhofer: UrlauberIn­nen am Urlaub­sort in einem Land der soge­nan­nten Drit­ten Welt. Ver­hal­ten und Han­deln, Wahrnehmungs– und Deu­tungsmuster, sub­jek­tives Urlaub­ser­leben – eine empirische Studie in Goa, Indien.
Wien: Insti­tut für Geo­gra­phie und Region­al­forschung, 2008, 373 S., EUR 35,00

Die Dis­ser­ta­tion von Maria Mayrhofer gliedert sich in fünf Kapi­tel. Im ersten wer­den die Forschungs­frage sowie die the­o­retis­chen Grund­la­gen der Arbeit, namentlich Qual­i­ta­tive Sozial­forschung sowie Aspekte men­schlichen Ver­hal­tens, dargelegt. Daran anschließend wird im zweiten Kapi­tel der Ort der empirischen Forschung, Goa in Indien, vorgestellt. Es folgt im drit­ten Kapi­tel die Dar­legung der Methodik, während die eigentliche Forschung im vierten Kapi­tel präsen­tiert wird. Das fün­fte Kapi­tel bietet eine Kurz­zusam­men­fas­sung sowie einen Aus­blick. Illus­tri­ert ist das Buch mit 102 Fotos von für die Forschung rel­e­van­ten Urlaubs-situationen sowie 30 Ansicht­skarten, welche die Selb­st­darstel­lung des Urlaubs-ortes Goa verdeut­lichen. Die Autorin, welche selbst als Ruck­sack­touristin reiste und schließlich als Reise­lei­t­erin arbeit­ete, nähert sich der Forschungs­frage aus der Per­spek­tive einer Sozial­geo­graphin. Die Forschung umfasst zwei Forschungs-aufenthalte in Goa von ins­ge­samt neun Monaten, in denen Mayrhofer sich jew­eils einer der bei­den Unter­suchungs­grup­pen (Pauschal­touristIn­nen, Individual-reisende) wid­mete. Sie führte ins­ge­samt 30 qual­i­ta­tive Inter­views, deren Ziel „die Auseinan­der­set­zung mit den sub­jek­tiven Sichtweisen von UrlauberIn­nen“ war. (S. 90)

Die Studie von Mayrhofer steht im Kon­text der Debatte zur Touris­musethik. Mayrhofer stellt dabei fest, dass trotz zahlre­icher Vorschläge, wie sich Tourist-Innen in Urlaub­ssi­t­u­a­tio­nen ver­hal­ten soll­ten sowie Pub­lika­tio­nen zum nor­ma­tiven Nutzen von Touris­mus (Völk­erver­ständi­gung, Förderung des Ver­ständ­nisses zwis­chen den Kul­turen), „konkrete empirische Befunde über das unmit­tel­bare Ver­hal­ten und Han­deln von UrlauberIn­nen am Urlaub­sort und deren Urlaub­ser­leben aus einer ver­ste­hen­den, erk­lären­den Per­spek­tive“ (S. 18) fehlen. Daher kon­nte bisher nicht gek­lärt wer­den, warum UrlauberIn­nen nor­ma­tive Ver­hal­tensempfehlun­gen nicht befol­gen, obwohl ihnen diese dur­chaus bekannt sein müssten.

Die von Mayrhofer gewählte Meth­ode umfasst qual­i­ta­tive Inter­views, Aus-wertung von durch die Inter­viewten ange­fer­tigte Zeich­nun­gen, teil­nehmende Beobach­tung sowie informelle Gespräche. Bei der Dar­legung der Methodik ist es ihr gelun­gen, diese für den Leser und speziell für Jene, die selbst ein entsprechen­des Forschung­spro­jekt pla­nen, inter­es­sant zu gestalten.

Bei ihrer Forschung betra­chtet Mayrhofer ver­schiedene Aspekte des Urlaubs. Begin­nend quasi im Vor­feld der Reise, indem sie Fra­gen zum generellen Urlaub­sver­ständ­nis sowie zum Vor-Verständnis des Urlaub­sortes stellte; weiter zu Urlaub­ssi­t­u­a­tion selbst durch Beobach­tung des äußeren Erschei­n­ungs­bildes der UrlauberIn­nen, Fra­gen zum Tagesablaufes, dem ein­heimis­chen Essen, dem Kon­takt zwis­chen UrlauberIn­nen und Ein­heimis­chen sowie dem Kon­takt zu anderen UrlauberIn­nen; und schließlich in Bezug auf die Nachurlaub­szeit durch Fra­gen zum Fotografieren und Einkaufen im Urlaub. Die Betra­ch­tun­gen erfol­gen jew­eils für Pauschal­touristIn­nen und Indi­vid­u­al­reisende getrennt und wer­den im Anschluss verglichen.

Die Analyse der jew­eili­gen Urlaubs-Aspekte fördert ähn­liche Ergeb­nisse zutage. Urlaub fungiert als Mit­tel der Grenzziehung. Er soll pos­i­tiv erlebt wer­den, entsprechend selek­tiv bzw. ide­al­isiert wer­den die Gegeben­heiten vor Ort wahrgenom­men. Ein­heimis­che wer­den durch­weg als fremd wahrgenom­men, entweder in Form eines neg­a­tiven Gegen­bildes oder aber in ide­al­isierter Form, immer aber als unter­legen. Aus der Fremd­heit resul­tiert ein großes Bedürf­nis nach Sicher­heit. Schließlich ver­lieren All­t­agsnor­men sowie Ver­hal­tensregeln aus der eige­nen Lebenswelt am Urlaub­sort an Bedeu­tung. Bei der Lek­türe stellt sich zwangsläu­fig die Frage, wie bei dieser Aus­gangslage die nor­ma­tiven Erwartun­gen an Touris­mus erfüllt wer­den sollen. Mayrhofer stellt fest, dass nor­ma­tive Ide­alvorstel­lung dur­chaus im Bewusst­sein der TouristIn­nen ver­ankert sind, diese aber keine Hand­lungsverän­derung bewirken. Statt dessen wer­den sie instru­men­tal­isiert, um sich von anderen Touris­ten abzuheben, die eigene Über­legen­heit zu beto­nen und so ein pos­i­tives Urlaub­s­ge­fühl zu sich­ern. Fol­glich plädiert Mayrhofer für „eine real­ität­snähere, umfassende Auseinan­der­set­zung mit der Frage, inwiefern […] touris­tis­ches Ver­hal­ten auf bre­iter Ebene verän­der­bar ist“. Es bleibt zu hof­fen, dass sie in diese Rich­tung weiter forscht.

Obwohl sich Mayrhofer bei der Dar­legung der Ergeb­nisse zwangsläu­fig wieder­holt, ist diese Studie sehr inter­es­sant zu lesen; ins­beson­dere, weil Mayrhofer ihre Aus­sagen durch Inter­viewse­quen­zen und Fotos unter­mauert bzw. visu­al­isiert. Gle­ichzeitig kommt man beim Lesen nicht umhin, über das eigens Tourist-sein, die eigene Urlaub­svorstel­lung sowie das eigene Ver­hal­ten nach-zudenken, was den Wert dieser Arbeit noch steigert.

(Zuerst erschienen in ASIEN. The Ger­man Jour­nal on Con­tem­po­rary Asia. April 2009, Nr. 111, S. 128–129.)


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