Denkschablone

Austausch über aktuelle Themen der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften

Versuchslabor Armut” — Entwicklungshilfe trifft auf Methoden der Naturwissenschaften

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Gestern lief auf Phoenix die Doku­men­ta­tion “Ver­such­sla­bor Armut” (hier der Link zur 3sat Mediathek) von Thomas Hies und Daniela Hoyer. Phoenix kündigte die Sendung wie folgt an: “Mehr als vier Mil­liar­den Euro spenden allein die Deutschen alljährlich für human­itäre Hil­f­spro­jekte. Sie tun es in der Hoff­nung, die Armut in der Welt zu bekämpfen. Aber wann hilft die Hilfe wirk­lich? Eine neue Gen­er­a­tion von Entwick­lung­shelfern will diese Frage mit Meth­o­den beant­worten, die bis­lang eher aus den Natur­wis­senschaften bekannt waren. Die Französin Esther Duflo gehört gemein­sam mit ihrem indis­chen Part­ner Abhi­jit Baner­jee zu den Stars dieser jun­gen Denkschule.” — Die besagte Meth­ode sieht wie folgt aus (ich habe den Anfang der Sendung ver­passt, kor­rigiert mich bitte, wenn ich den Ansatz falsch ver­standen habe, es würde mich sehr erle­ichtern!), es wer­den zwei Grup­pen von Armen gebildet, die eine bekommt Unter­stützung, die andere Gruppe (die Kon­troll­gruppe) bekommt keine Unter­stützung  und nach Ablauf des Unter­suchungszeitraums schaut man, welche Gruppe sich besser entwick­elt hat, bzw. ob es über­haupt Unter­schiede gibt und dann weiß man, ob die ergrif­f­e­nen Maß­nah­men sin­nvoll sind oder nicht! Klingt moralisch fragwürdig???

Esther Duflo recht­fer­tigt dieses Vorge­hen damit, dass in der Entwick­lung­shilfe in der Ver­gan­gen­heit zahlre­iche Maß­nah­men ergrif­fen wur­den, die nichts gebracht haben oder sogar kontra-produktiv waren, Lebens­mit­tel­liefer­un­gen zer­störten die heimis­che Land­wirtschaft, Brun­nen­bauten, hat­ten zwar zur Folge, dass die Bauern ihre Her­den ver­größern kon­nten, let­ztlich ver­hungerten die Tiere aber, Hunger­snöte unter den Men­schen waren die Folge. Vielle­icht ist es also doch nicht verkehrt zunächst zu schauen, wie sin­nvoll einzelne Maß­nah­men sind und welche nicht intendierte Fol­gen sie haben, bevor sie flächen­deck­end umge­setzt wer­den, nur weil sie aus der The­o­rie her­aus sin­nvoll erschienen? Wer jetzt bestäti­gend nickt, sollte unbe­d­ingt weiter lesen, was die Meth­ode Duf­los für die betrof­fe­nen Men­schen bedeutet: Zum Beispiel, Duf­los Team hat her­aus­ge­fun­den, dass Blu­tar­mut ein wichtiger Fak­tor ist, der Men­schen im Teufel­skreis der Armut hält: Men­schen sind arm — daraus folgt Man­gel­ernährung, vor allem zu wenig Fleisch — zu wenig Fleisch führt zu Blu­tar­mut — Blu­tar­mut macht die Men­schen antrieb­s­los, schlapp, lethar­gisch — Kinder kön­nen sich in der Schule nicht aufs Ler­nen konzen­tri­eren, Erwach­se­nen fehlt die Kraft, sich aus der Armut zu befreien. Duf­los Team schließt daraus, dass der Kampf gegen Blu­tar­mut ein wichtiger Beitrag ist, den Men­schen Hilfe zur Selb­sthilfe zu liefern. Dies soll in Form von mit Eisen angere­ichertem Salz geschehen. Duf­los Meth­ode, die sie zu einer Kan­di­datin für den Wirtschaft­sno­bel­preis macht, besteht nun also darin, einem Dorf den Zugang zu diesem Salz zu ermöglichen und einem anderen Dorf, dem Kon­troll­dorf, nicht!

In einem anderen Beispiel bekam eine Gruppe abso­lut armer Frauen Sach­spenden als Grund­stock für ein eigenes Geschäft. Außer­dem erhiel­ten sie regelmäßige Schu­lun­gen, um sie so zu befähi­gen, sich aus der Armut her­aus zu kämpfen. Die Frauen der Kon­troll­gruppe erhiel­ten kein­er­lei Unter­stützung und wur­den ihrem Schick­sal in erdrück­ender Armut über­lassen, und ihre Kinder gle­ich mit.

Ich muss sagen, selbst wenn Duflo Recht hat, und ihre Meth­ode eine bessere, zielo­ri­en­tiert­ere, effizien­tere, Ressouren sparende Form der Entwick­lung­shilfe zur Folge hätte, was ich allerd­ings anzweifel, finde ich diese Vorge­hensweise vom ethis­chen Gesicht­spunkt her grauen­haft. Ich weiß nicht, wie man es aushal­ten kann, Men­schen Hilfe, die man für sin­nvoll erachtet, nicht zukom­men zu lassen, nur um dann messen zu kön­nen, wie hoff­nungs­los ihre Sit­u­a­tion weit­er­hin ist. Und was soll das auch brin­gen? Die Sit­u­a­tion der Men­schen, die in absoluter Armut leben müssen, ist hoff­nungs­los und natür­lich bleibt sie hoff­nungs­los, wenn es kein­er­lei Impuls gibt, der diese Hoff­nungslosigkeit durch­brechen kön­nte. Vielle­icht kön­nte ich mit dieser Meth­ode mit­ge­hen, wenn eine Forschungs­gruppe zwei Maß­nah­men iden­ti­fiziert hat, die als zweck­mäßig für die Armuts­bekämp­fung iden­ti­fiziert wur­den, Gruppe A lässt man nun in den Genuss der einen Maß­nahme, Gruppe B in den Genuss der anderen Maß­nahme kom­men und schaut dann, welche Maß­nahme sich als die zweck­mäßigere erweist. Und da es sich um Men­schen han­delt, mit denen hier gear­beitet wird, dür­fen diese sich als mündige Wesen selbst einer der bei­den Grup­pen zuordnen.

In der Doku­men­ta­tion kamen auch noch Wis­senschaftler, ich glaube es war vom Insti­tut für Eval­u­a­tion, zu Wort. Neben den ethis­chen Gesicht­spunk­ten kri­tisierten sie ins­beson­dere die Frage der Über­trag­barkeit der Ergeb­nisse. Duf­los Forschung konzen­tri­erte sich auf Indien, was im ersten Moment sicher­lich sin­nvoll erscheint, schließlich ist Indien das Land mit den meis­ten Armen weltweit. Aber sind Maß­nah­men, die sich in Indien als erfol­gre­ich erwiesen haben wirk­lich auf Län­der in Afrika oder Latein Amerika über­trag­bar? Oder ist Armut und die Gründe dafür sehr viel indi­vidu­eller und vielschichtiger und braucht entsprechend indi­vidu­elle Lösun­gen? Neben dieser regionalen Kom­po­nente würde ich auch noch eine zeitliche ein­brin­gen — selbst wenn Duflo Maß­nah­men iden­ti­fiziert, die im Jahr 2013 erfol­gre­ich sind, heißt das meiner Mei­n­ung nach nicht, dass die sel­ben Maß­nah­men zwei Jahre später im sel­ben Dorf aber bei vielle­icht anderer wirtschaftlicher Sit­u­a­tion oder anderen poli­tis­chen Machtverteilun­gen eben­falls zum Erfolg führen.

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